Alte Hamburger Poststraße – Allein schon der Name klingt spannend. Das riecht geradezu nach Abenteuern. Ich kann förmlich die Postkutsche hören, wie sie durch den finsteren Krämer rumpelt. Der gleichnamige Radwanderweg führt von Berlin quer durch den Krämer Forst nach Hamburg. Ich folge ihm von Spandau nach Linum.
Flashback aus dem Jahr 2016
ca. 65 km bei freundlichem spätsommerlichen Wetter
27°
Anfang September
Spandau – Niederneuendorf – Schönwalde-Dorf – Wansdorf – Bötzow – Flatow – Linum – Kremmen
Nach meinem Orientierungsdesaster in Schönwalde auf dem Havellandradweg habe ich mir fest vorgenommen, nie mehr ohne Karte loszufahren. Da ich im Osthavelland vermutlich öfter unterwegs sein werde, habe ich auch gleich in eine neue Karte investiert. Breitet man die Karte vor sich aus, fällt einem sofort das grosse grüne Oval in der Mitte auf. Der Krämer mit seinem Dörferkranz. Und mittendurch eine rote gepunktete Linie. Der Radweg „Alte Hamburger Poststraße“. Das wird meine nächste Tour. Soviel ist mir sofort klar. Doch wie komme ich dahin. Der Radweg führt über Schönwalde und Bötzow in den Krämer. Aber schon wieder über Falkensee und Eiskeller ist langweilig. Aber mein Blick hat schon den Havel-Glien-Radweg zwischen Niederneuendorf und Schönwalde entdeckt. Immer am Havelkanal lang. Das sieht gut aus.
Also starte ich an einem herrlichen Spätsommertag am U-Bahnhof Haselhorst. Die Havel überquere ich auf der Wasserstadtbrücke und folge dann dem Havelradweg / Fernradweg Berlin-Kopenhagen nach Norden bis Niederneuendorf. Dort überquert man den Havelkanal, bevor es links runter geht zum Kanal.
Und dann bin ich einfach nur noch begeistert. Das Wetter ist schön, der Fahrradweg ist absolut toll und die Natur zieht an diesem Samstagmorgen absolut friedlich an mir vorbei. Da macht das Cruisen Spaß. Links plätschert der Havelkanal sanft in der Sonne und rechts kann man durch die teilweise dichte Hecke ab und zu einen Blick auf die Teufelsbruchwiesen erhaschen. Gestört wird meine Idylle nur durch vereinzelte Rennradler, die mir entgegenkommen oder von hinten heranrauschen und mich überholen. Und das teilweise mit verkniffenem Gesicht. Mein freundlicher Gruß wird durch die Bank weg ignoriert. Banausen. Lediglich ein einsamer Tourenradler bequemt sich, den Gruß zu erwidern.
Am Upstall führt der Radweg im Rechten Winkel auf einer Allee nach Schönwalde-Dorf. Halt. Das ist ja keine Allee. Da ist nur eine Seite mit Alleebäumen bepflanzt. Wie nennt man eine Allee mit nur einer Seite. Eine Ale? Nee, das ist ja ein Bier. Ich erreiche wieder meinen alten Bekannten, den Knotenpunkt Nr. 2. Ich fühle mich schon wie ein alter Hase und rolle ohne zu zögern nach Schönwalde-Dorf rein. Diesmal auch kein Zaudern an der Kirche. Das einzige Experiment starte ich nach überqueren der Gleise. Diesmal folge ich nicht der ausgebauten Route nach links, sondern will den in der Karte eingezeichneten und schon mit dem Logo versehenen Weg ausprobieren. Sieht aber nicht sehr vertrauenserweckend aus. Und nach 100 Metern kehre ich auch schon um. Ich Schisser. Lieber den bekannten Weg bis Wansdorf mit dem obligatorischen Päusgen bei Knotenpunkt Nr.3.
Zum Abzweig muß ich nur noch Richtung Bötzow fahren. Ich komme an einem Haus mit moderner Lüftlmalerei vorbei. Kleinliche Gemüter würden schon wieder einwenden: „Aber das ist doch Graffiti !“ Kurz vor Bötzow sehe ich auf der anderen Strassenseite schon den Abzweig.
Glücklicherweise gibt es ein Strassenschild mit „Alte Hamburger Poststrasse“. Ansonsten kein Hinweis auf einen Radweg. Keine Radwegbeschilderung, keine Hinweistafel, einfach nichts. Das ärgert mich irgendwie schon wieder. Geht der zuständige Sachbearbeiter für Tourismus und Fahrradwege etwa davon aus, dass jeder Urlauber und Ausflügler so eine exzellente Karte wie ich und einen Internetanschluß hat? Ein Stückchen die Straße rein, kommt dann der Erste Hinweis, warum diese Straße so interessant ist.
Der erste Postmeilenstein, dem im Abstand von einer Viertelmeile weitere folgen. In unterschiedlichen Größen. Der Viertelmeilenstein ist der Kleinste. Der Ganzmeilenstein ist der Größte. Dazwischen liegt logischerweise der Halbmeilenstein. Das Ganze wird später auch noch sehr schön auf einer Schautafel erklärt.
Die Straße führt nun auf den Krämer zu, der auf dem Plateau des Glien liegt. Mir schwirrt der Kopf vor lauter verschiedenen Bezeichnungen.
Also, der Krämer liegt auf einer Grundmoränenplatte, welche Glien bzw. Ländchen Glien genannt wird. Der Krämer, oder auch Krämer Forst, unterteilt sich in den Ober- und Unterkrämer, die jeweils in viele Waldabschnitte, die sogenannten Heiden untergliedert sind. Der Wald vor mir ist der Oberkrämer. Die Straße geht genau zwischen Bötzower- und Wansdorfer Oberheide hindurch. Da ich einen Internetanschluß habe, konnte ich mich schon vorab über die Geschichte der Poststraße schlau machen. Und da es im Moment sehr einsam auf der Straße war, konnte ich mich sehr gut ins ausgehende 18. Jahrhundert versetzen. Fast vermeinte ich in der Ferne die Postkutsche rumpeln zu hören. Muß wohl auf dem Weg zum Ziegenkrug, der alten Pferdewechselstation sein.
Ha, da ist das erste Radwegschild. Da, im Gestrüpp. Hätte ich fast nicht gesehen. Später kommen noch bessere. Vor mir ist eine eingezäunte Lichtung. Darüber veranstalten fünf oder sechs Kolkraben recht ausgelassen ihre Luftakrobatik. Als ich schließlich weiterfahre, werde ich für eine ganze Weile von zwei Raben verfolgt. Sie bleiben immer knapp außer Sichtweite. Ich kann sie aber hören. Das sind bestimmt Hugin und Munin, die nachher ihrem Herrn Bericht erstatten. Dann kommt von hinten eine Tourifamilie, Vater, Mutter und Sohn auf ihren Leihrädern. Und alle mit verkniffenem Gesicht und keinem Blick für die wunderschöne Natur ringsrum. Die Raben sind von einer Sekunde zur anderen verschwunden.
Dann erreiche ich anscheinend das touristische Highlight. Den historischen Ganzmeilenstein und gleich danach den historischen Meilenzeiger aus Holz.
Ein Stückchen weiter ist der ehemalige Ziegenkrug. Einst eine Pferdewechselstation für die Postkutsche, ist er heute ein schön gestalter Rastplatz für müde (Rad-)Wanderer. Da mir hier aber zu viel Trubel ist, mache ich mich gleich wieder auf den Weg.
Update 2025: Der Rastplatz wurde rundum erneuert. Man kann jetzt schön geschützt Pause machen oder auf den Liegebänken entspannen. Da auch der Weg verbreitert und erneuert wurde ist das romantische Flair leider so gut wie verflogen.
Nach überqueren der Perwenitzer Chaussee wird die Poststraße immer wilder. Ich befinde mich jetzt im Unterkrämer, genauer in der Grünefelder Oberheide. Hier ist der Wald recht dicht und an einigen Stellen auch recht dunkel. Der ideale Platz für einen Postkutschenüberfall. Aber nicht heute. An einer kleinen Wegkreuzung mache ich eine kleine Rast auf einer Bank. Rastbank, das ist auch so ein Thema. Aber das würde jetzt zu weit führen. Durch die Baumwipfel scheint die Sonne. Und ich werde langsam träge. Ein Mittagsschläfchen wär jetzt nicht schlecht.
Nix da. Aufbruch. Ich schwinge mich auf mein Radl und weiter gehts. Leider habe ich vergessen, dass ich an der Bankkreuzung rechts abbiegen mußte. Ich wundere mich schon, das der Weg immer weniger zu erkennen ist und den Namen Poststraße schon eine Weile nicht mehr verdient. Verfranst. Zum Umdrehen hab ich aber keine Lust. Ich hab ja heute eine Karte dabei. Ich verwende jetzt mal Golfplatzterminologie. Ich lande im „Rough“. Kniehohes Gras. Hoffentlich fange ich mir hier keine Zecken ein. Etwas später kämpfe ich mich durch einen riesigen „Sandbunker“.
Ich suche noch schnell Reckins Grab und Reckins Eiche. Enttäuschend. Na wie soll ein altes Grab im Wald schon aussehen. Ein paar Steine zwischen den Bäumen drapiert. Im Großen und Ganzen sieht das aber sehr ungepflegt aus. Und Reckins Eiche ist ein Fake. Die alte hohle Eiche ist irgendwann mal durchgefault, und durch eine relativ junge Eiche ersetzt und eingezäunt worden.
Der langsam steigende Pegel der Hintergrundgeräusche lässt schon die Nähe der A10 erahnen. Diese wird dann auch bald überquert. Weiter geht es durch den Unterkrämer. Der Radweg ist jetzt etwas besser fahrbar. Aber in der Ferne ist das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs nie ganz verstummt. Und schon steht die nächste Autobahnüberquerung an. An der Anschlussstelle Kremmen geht es auf die andere Seite der A24 und man verlässt so langsam den „dichten finsteren Krämer“. Das Erscheinungsbild ist nun zunehmend ländlich geprägt und man erreicht Flatow mit seinem geklinkerten Kirchturm.
Und dann kommt auch schon der Wegweiser zum Abzweig Alte Hamburger Poststraße. Jetzt sogar als Teil des Jacobswegs und des Pilgerwegs Berlin – Bad Wilsnack. Die Bodenbeschaffenheit ist mal wieder so, wie man es sich als Radler nicht wünscht. Da man sich sehr konzentrieren muss, am Rand eine Möglichkeit zu finden, nicht durchgerüttelt zu werden (wir sind ja schließlich nicht bei Paris – Roubaix), bekommt man von der eigentlich idyllischen mit Obstbäumen gesäumten Straße nicht so viel mit.
Ab jetzt wird gepilgert
Und dann, vor einer Stunde noch im tiefsten Wald, jetzt auf dem Jakobsweg bei Flatow. Und es ist wahr, man fängt an zu beten. Ich bete gerade für bessere Wegverhältnisse. Sch… Brandenburger Sandbüchse.
Schließlich erreiche ich Linum. An diesem herrlichen Spätsommertag leider hoffnungslos überfüllt, sodass ich schnell Richtung Kremmen flüchte, um den R6 nach Spandau zu erwischen.